Das sieht alles normal aus

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    • Das sieht alles normal aus

      Guten Abend,

      ich habe vor einiger Zeit eine Situation erlebt, die ich gerne im Rahmen eines kleinen Fallbeispiels mit allen Interessierten teilen würde. Kurz dazu, das Fallbeispiel bassiert auf realen Ereignissen die ich nur etwas abändere wie es das Fallbeispiel und der Datenschutz erfordert.
      Das Fallbeispiel wird weiß Gott keine Polytraumaversorgung oder eine Dr. House-Folge, aber ich fand die Gesamtsituation doch sehr interessant.

      Also folgende Lage:
      Ihr sichert an einem Samstag sanitätsdienstlich einen Jugendeisschnelllaufwettkampf in einer Eishalle ab. Ihr (Sanitäter,San B,SDL) seit mit 2 weiteren Kollegen da, einer Sanitätshelferin und einem Ersthelfer der erst seinen zweiten oder dritten San-Dienst hat.

      Zur Verfügung stehen euch ein Notfallrucksack (genaue Auflistung unten) und ein Spineboard mit Seil um eventuell Verletzte vom Eis zu ziehen.
      Wie sonst auch nutzt ihr den standardmäßig vorhandenen "Arztraum" des Stadions. Dort ist auch eine Liege vorhanden.

      Euer Notfallrucksack umfasst folgendes Equipment:
      Diagnostikmaterial, Verbandmaterial, 2x Stifneck (1x Erwachsene, 1x Kind), Samsplint-Schienen, Kühlkompressen, Ambubeutel, Guedeltuben, Hyperventilationsmaske

      Der Notfall:
      In der Eispflegepause klopft es an der Tür des San-Raums und der Vater einer Läuferin bittet euch kurz mitzukommen, seiner Tochter ginge es nicht gut. Ihr schnappt euch also den Notfallrucksack und begleitet den Vater mit euren beiden Kollegen zur etwa 10 Meter entfernten Tür der Mädchen-/Damenumkleide. Als ihr den Raum betretet seht ihr auf der Bank ein Mädchen mit schmerzverzerrtem Gesicht und nach vorne gebeugtem Körper sitzen. Eine Frau steht daneben und versucht sie offensichtlich zu beruhigen.

      Na dann..
      here we go, its your turn...aber Jungs und Mädels...bitte schön sachte und langsam, sonst sind wir hier in 10 Minuten durch.
      Life is simple.
      Eat. Sleap. Safe Lives.

      Dieser Beitrag wurde bereits 3 mal editiert, zuletzt von Flo. Weserbergland () aus folgendem Grund: Und ich finde immer noch Flüchtigkeitsfehler...

    • Also ihr stellt euch vor und fragt die Tochter wo und warum sie Schmerzen hat.
      Sie kann nur schwer antworten und hat bereits Tränen im Gesicht. Die nebenstehende Frau stellt sich als die Mutter des Mädchens vor und berichtet das ihre Tochter seit etwa 20 Minuten über Schmerzen in der Brust und Atembeschwerden klagt.
      Der Vater ergänzt das die Beschwerden nach ihrem letzten Lauf aufgetreten sind.
      Life is simple.
      Eat. Sleap. Safe Lives.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Flo. Weserbergland ()

    • Dann würde ich vorschlagen treten wir mal an unsere Patientin ran, stellen uns kurz vor & sagen das wir sie kurz Untersuchen wollen ;)

      wie wirkt die Patientin auf uns?
      Sehen wir eine Zyanose?
      Die Gesichtfarbe ansonsten eher weiss oder rot?
      schweißig?

      Hat sie noch beengte Bekleidung an? Also ein Schal z.B. den man mal lockern könnte?

      Wie schnell ist die Atmung?
      Ist sie eher flach oder tief?
      Sieht sie gleichmäßig aus?
    • Ich würde erstmal schauen, das wir den Halsbereich etwas freibekommen (gehe mal davon aus, dass sie einen Eislaufanzug anhat).
      (Das sieht ja erstmal nach einem Myokardinfarkt aus, aber davon soll man sich nicht ablenken lassen, gerade in Bezug auf Differentialdiagnostik)

      Wir fragen nach, ob sie gestürzt sei oder ob die Schmerzen spontan aufgetreten sind.

      Normalerweise würde ich jetzt nach ABCDE vorgehen:
      A - wie schnell ist Atmung/Atemfrequenz? Wie sehen die Schleimhäute aus?
      B - wie tief ist die Atmung? (Ausreichend, sehr tief, sehr flach?) Wie ist die Sättigung (nur wenn möglich). Dann eine Auskultation der Lunge und schauen, ob wir Anzeichen für eine Prellung finden.
      C - Wie ist der Puls? Wie ist die Recap-Zeit und der RR?

      Mit D und E warte ich jetzt mal noch.

      Des Weiteren würde ich gerne wissen, ob sie in letzter Zeit Krank war, also ne Grippe oder Erkältung oder sonst irgendwas hatte.

      (Ich weiß, dass ich vermutlich zu schnell bin, aber für mich hängt dass alles zusammen.)


      110-Jungs die man ruft - 112-Männer die auch kommen!
    • sb-modder schrieb:

      A - wie schnell ist Atmung/Atemfrequenz? Wie sehen die Schleimhäute aus?
      A steht für Airway und umfasst eigentlich nur die Fragestellung, ob die Atemwege frei sind. Sprich ... Mundhöhle auf Fremdkörper kontrollieren...Erkennen eines inspiratorischen Stridor als Hinweis auf eine Verlegung der oberen Atemwege usw.

      Die Dinge, die du nennst, Atemfrequenz und etwaige Zyanose, würde man falls sie denn pathologisch sind, unter einem B-Problem fassen.

      Moderator || Benutzerbetreuung BOS
    • Gut, also den Laufanzug hat sie schon ausgezogen, beim Umziehen wurde es allerdings nicht besser. Der Hals ist auch soweit frei von beengenden Klamotten, Schal, etc.

      Die Patientin wirkt aufgeregt und etwas panisch, sie sagt das sie schlecht Luft bekommt. Ihre Haut ist rosig und lässt noch die Anstrenung vom Lauf erahnen. Das Gesicht ist ebenfalls rosig gefärbt.
      Eine Zyanose ist nicht zu erkennen.
      Im Gesicht sind Schweißperlen zu erkennen.

      Die Atmung sieht schnell aus, beim Einatmen hört ihr ein angestrengtes Atemgeräusch. Die Atmung scheint eher flach und unregelmäßig zu sein.
      Ihr führt eine kurze Mundraumkontrolle durch, der Mund-und Rachenraum scheint frei zu sein, die Schleimhäute sind feucht.
      Nein, der Notruf wurde nicht gewählt.
      (Möchte mir jemand erklären warum wenn Sanitäter 10 Meter daneben stehen?)

      Wie wollt ihr weiter mit euer Patientin verfahren?
      Life is simple.
      Eat. Sleap. Safe Lives.
    • Flo. Weserbergland schrieb:

      (Möchte mir jemand erklären warum wenn Sanitäter 10 Meter daneben stehen?)
      Schon alles erlebt.

      Ok, dann fragen wir mal, ob irgendelche Vorerkrankungen - auch in Bezug auf die Atemwege - und/oder Allergien bekannt sind.
      Ebenso würde ich nach letzten Erkrankunen wie Erkältung, Grippe, Bronchitis, etc. fragen.
      Des Weiteren hätte ich gerne mal einen PP (Perifären Puls), um eine "geschätzte" Herzfrequenz zu erhalten. Wichtig ist mir aber eher, ob der Puls rhytmisch/unrhytmisch, schnell/langsam, gut/schlecht tastbar ist.
      Haben wir bei unseren Diagnostikmaterial ein Pulsoxy? Wenn ja, bitte anwenden.
      Dann hätte ich gerne mal den Blutdruck.

      Ebenso können wir die Eltern fragen, ob so etwas schonmal aufgetreten ist (natürlich fragen wir das auch unsere Patientin)

      Was aber jetzt aktuell am WICHTIGSTEN ist (Sorry, dass ich falsch herum vorgehe, aber sich die Situation im Kopf vorzustellen sorgt dafür): Wir versuchen, unsere Patientin zu beruhigen, um v.a. auch die Atmung etwas langsamer, tiefer und gleichmäßiger zu bekommen.


      110-Jungs die man ruft - 112-Männer die auch kommen!
    • McGarett schrieb:

      Das würde ich so nicht unterschreiben. Klar ist die Chance relativ gering, jedoch können grade auch Vorerkrankungen zu einem Myokardinfarkt führen.
      Die Chance ist bei einer minderjährigen, Leistungssporttreibenden quasi nicht existent. Ein Herzinfarkt bei Patienten unter 30 Jahren ist schon eine absolute Rarität, bei Minderjährigen kommt es höchstens im Rahmen von schweren angeborenen Herzfehlern mal vor, dann aber noch in der Kleinkindphase.

      Hier jetzt die Verdachtsdiagnose MI ins Feld zu führen ist schlicht Blödsinn.


      Aber wir fragen natürlich, ob Vorerkrankungen bekannt sind und eine solche Symptomatik schonmal aufgetreten ist.

      Wie ist denn die Atemfrequenz, können wir die mal auszählen?

      Klagt die Patientin über andere Beschwerden wie Schwindel oder Kribbeln?
      Standard nicht Standart :evil:
    • sb-modder schrieb:

      Das sieht ja erstmal nach einem Myokardinfarkt aus...
      Nochmal zurück zu dieser Diskussion ... unabhängig davon, wie wahrscheinlich oder unwahrscheinlich das jetzt bei dieser Patientin ist.

      Exakt aus diesem Grunde gibt es doch im Rettungsdienst bestimmte Algorithmen. BLS, dann Kurzbeurteilung nach dem ABCDE-Schema, dann geordnete Anamnese nach SAMPLER-Schema usw.

      Man möchte eben nicht, dass man in eine Einsatzstelle stürmt und aufgrund der Symptomkonstellation, die einem der erste Eindruck bietet, sofort wild anfängt irgendwelche Differentialdiagnosen durcheinanderzuraten. Das bringt uns doch keinen Millimeter weiter!

      Es geht am Anfang kein bisschen darum, ob die Patientin einen Herzinfarkt, eine Lungenembolie, einen Asthmaanfall oder eine Hyperventilationstetanie hat.

      Unsere erste Frage ist: Ist die Patientin bei Bewußtsein? Hat sie Kreislauf? Atmet sie? (BLS) Sollte eine dieser Fragen mit NEIN beantwortet werden, haben wir doch direkt was zu tun...

      In der zweiten Phase versucht man mit dem ABCDE-Schema aufzudecken, welches Organsystem möglicherweise eine Störung hat. Damit kreist man die Grunderkrankung ein bisschen ein.

      Mit dem SAMPLER versucht man auf der Basis einer geordneten Anamnese zum ersten Mal Verdachtsdiagnosen zu generieren, die man ja in der Regel im Sanitätsdienst weder beweisen noch widerlegen kann.

      All diese Maßnahmen sollten zu folgenden Fragestellungen führen:

      1. Benötigen wir hier weitere Kräfte, wenn ja welche? (RTW, ggf. NEF)
      ...oder liegt hier eine harmlose Befindlichkeitsstörung vor, die wir mit "Bordmitteln" beheben können?

      2. Können wir mit unseren Möglichkeiten im Rahmen der Ersten Hilfe den Zustand der Patientin stabilisieren?

      Moderator || Benutzerbetreuung BOS
    • Ich wollte jetzt nicht, dass es so in diese Richtung läuft. Diese Aussage war als Anspielung des Titels gedacht und dass man trotzt Symptomatik gemäß der bekannten Algorythmen differentialdiagnotsich vorgehen soll.

      Und um hier nicht durchzurennen, habe ich die Vorgehensweiße gemäß der Schemata geteilt, um nacheinander vorzugehen.


      110-Jungs die man ruft - 112-Männer die auch kommen!
    • Symptome:
      Die Patientin klagt über Kribbeln in den Fingern und in den Beinen. Außerdem gibt sie an, dass ihr schwindelig ist.

      Schmerzen:
      Laut Aussage des Mädchens tut es besonders beim Einatmen weh.
      Den Schmerz kann sie schlecht beschreiben, glaub aber das es ein Ziehen ist.
      Der Schmerz strahlt in den Bauch und in den aus euer Sicht rechten Arm aus.

      Vorerkrankungen:
      Vorerkrankungen verneinen sowohl die Patientin als auch die Eltern.
      Das Mädchen gibt an, sie würde den Sport seit 8 Jahren betreiben und hätte bis auf den ein oder anderen Sturz nie Probleme gehabt
      Auch die Frage ob so etwas schonmal aufgetaucht ist verneint die Patientin.

      Die Eltern berichten allerdings von einem Vorfall, der ein paar Wochen zurückliegt. Ihre Tochter habe ohne ersichtlichen Grund abends im Bett angefangen zu hyperventilieren. Ein Rettungswagen war wohl vor Ort, nach Besserung des Zustands haben die Kollegen das Mädchen aber zuhause belassen.

      Die letzte Erkältungskrankheit liegt schon einige Monate zurück.

      Vitalparameter:
      Ihr zählt die Atemfrequenz aus, diese liegt bei 12.

      Den Puls könnt ihr peripher gut ertasten, er ist stark unrhytmisch und sehr schnell. Beim Auszählen kommt ihr auf einen Wert von 130. Der Fingerpulsoximeter zeigt einen Wert von 145 an.
      Life is simple.
      Eat. Sleap. Safe Lives.
    • Ist die AF 12 wegen der Unregelmässigkeit (trotz anfangs schneller Atmung) oder weil sie nun langsamer atmet?
      Ist das Pulsoxy so nett und zeigt uns auch die Sauerstoffsättigung an?
      Die Symptome sollen nach dem letzten Lauf aufgetreten sein, lässt sich das anamnestisch noch präzisieren (auslösendes Ereignis? noch auf dem Eis oder erst in der Garderobe? fühlt es sich gleich an wie bei der Hyperventilation im Bett? Verbesserung/Verschlechterung in den letzten 20 min?)?
      Wie alt ist die junge Dame?
      ---> §PD2 Das Fragen nach dem Erscheinungstermin einer Modifikation oder eines Updates ist verboten. <---
    • Okay ... was haben wir?

      Schwindel, Parästhesien, Tachykardie passen zu einer Hyperventilation.

      Eine aktuell normale Atemfrequenz (bei anhaltenden Beschwerden), ein atemabhängiger Brustschmerz und vor allem eine Arrythmie sprechen dagegen.

      Wir haben aktuell kein A-Problem, fragliche B- und C-Problematik, bei unauffälligem D und E.
      Der SAMPLER bringt uns insofern weiter, als dass es schon einmal zu so einem Ereignis gekommen sei (was sich offenbar selbstlimitierend verhielt).

      Auch bei jungen Menschen gibt es mal intermittierende (d.h. zwischenzeitlich auftretende) Tachyarrythmien. Insofern würde mich bei anhaltender Arrythmie hier ein EKG brennend interessieren.

      Moderator || Benutzerbetreuung BOS