Alles außer Routine...

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      Vielleicht finden sich bei dem trüben Novemberwetter ein paar Hartgesottene, die an dieser Stelle mal ein Fallbeispiel der etwas anderen Art abarbeiten möchten.

      Um es vorweg zu nehmen. Jedwede Versuche, der Situation durch "Load and Go" oder Nachforderung von irgendwelchem Fachpersonal oder dem Bundesgesundheitsminister zu entgehen, könnt ihr gepflegt knicken :nono: .
      Es ist mitten in der Nacht, nachtflugtaugliche RTHs stehen gerade nicht zur Verfügung und die nächste geeignete Klinik ist meilenweit entfernt.
      Sprich...wir müssen das Problem alleine lösen. Und es ist ein Problem, welches auf jeden, der im Rettungsdienst tätig ist, zukommen kann.
      Vielleicht kriegen wir es ja hin, wenn jeder seine Ideen raushaut...

      Und für die, die ich mit meiner Vorrede nicht schon abgeschreckt habe, kann es jetzt losgehen...

      Um 2 Uhr in der Nacht wird auf einer Rettungswache auf dem Land der RTW (besetzt mit 1 x RA und 1 x NotSAN) und parallel vom nächsten Krankenhaus mit NA-Standort das NEF (NA + NotSAN) alarmiert.
      Stichwort: einsetzende Wehen
      vorraussichtliche Anfahrtszeiten: RTW 8 min, NEF 12 min (Fahrzeuge haben Standardbeladung)

      Die nächste Klinik mit geburtshilflicher Abteilung incl. Neonatologie ist von der Einsatzstelle ca. 25 min entfernt.

      Als erstes trifft die Besatzung des RTW an der Einsatzstelle ein.

      Was nehmt ihr mit ins Haus?


      Moderator || Benutzerbetreuung BOS
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      Okay...ihr klingelt vollbepackt an der Wohnungstür.
      Ein relativ gefasst wirkender etwa 40 Jahre alter Mann, der sich als Ehemann der Patientin vorstellt, öffnet euch die Tür und führt euch ins Schlafzimmer.

      Dort bietet sich euch folgendes Bild:
      Die Patientin befindet sich in halbsitzender Lage, mit den Händen hinten abgestützt und mit gespreizten Beinen. Sie ist nass geschwitzt und scheint gerade eine Wehe zu haben...zu erkennen am schmerzverzerrten Gesicht und lautem Stöhnen. Die Hände krampfen sich in das Bettlaken

      Ihr habt noch wenige Minuten bis zum Eintreffen des NEF.

      Was könnt ihr bis dahin bereits eruieren?
      Was ist anamnestisch wichtig?
      Worauf achtet ihr, um die Situation besser einschätzen zu können?


      Moderator || Benutzerbetreuung BOS
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      Wir können den Puls tastem, Blutdruck messen und ne spO2-Sättigung machen.
      Wir lassen uns vom Ehemann den Mutterpass geben. Ebenso fragen wir, ob es irgendwelche Komplikationen während der Schwangerschaft gab, seit wann die Wehen sind, in welchen Abständen die Wehen auftreten.
      In der wie vielten SSW ist unsere Patientin?


      110-Jungs die man ruft - 112-Männer die auch kommen!
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      sb-modder schrieb:

      Mutterpass
      Bingo! Genau den wollte ich hören. Da steht eigentlich alles drin, was man über den Verlauf der Schwangerschaft, Vorbefunde, Impfungen, Allergien, Medikamente und Risikofaktoren wissen muss.


      Die Schwangerschaft verlief bislang ohne relevante Komplikationen. Laut Mutterpass wäre der errechnete Geburtstermin (ET) in 2 Wochen, die Patientin ist somit aktuell in der 38. SSW.

      Vitalparameter: RR 145/90, HF 110, SpO2 99%



      Laut Ehemann habe seine Frau den ganzen Abend bereits Kontraktionen verspürt, die sie allerdings für Vorwehen gehalten habe. Seit etwa 30 Minuten hätten diese aber an Intensität und Frequenz deutlich zugenommen. Aktuell kommt etwa alle 2-3 Minuten eine Wehe.
      Sie haben bereits erfolglos versucht, ihre Hebamme telefonisch zu erreichen, die auf einer Fortbildung sei. Daraufhin haben sie in der Klinik angerufen, in der die Geburt geplant sei. Die diensthabende Kollegin habe zur Alarmierung des Rettungsdienstes geraten.


      emergency call 911 schrieb:

      Ist es die 1. Geburt? Wie alt ist die (werdende) Mutter?
      Insbesondere die erste Frage ist sehr sehr wichtig. Der Grund liegt darin, dass bei Mehrgebärenden ein deutlich schnellerer Geburtsverlauf zu erwarten ist.


      Die Patientin ist 38 Jahre alt und hat bereits 3 gesunde Kinder. Sie erwartet also aktuell ihr 4. Kind. Bei den Vorgeburten gab es keinerlei Probleme. Die Kinder sind jeweils auf natürlichem Wege zur Welt gekommen.



      Welche elementare Information sollten wir noch im Mutterpass nachschauen?


      Moderator || Benutzerbetreuung BOS
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      Sind irgendwelche Vorerkrankungen (Hepatitis,...) bekannt beziehungsweise positiv getestet? Hat das Kind eine Abnormale Lage (Steißlage)?
      Wie ist die Lage vom Mutterkuchen(Placenta)? Blockiert er den Gebährmutterhals/Geburtskanal (Placenta praevia)?

      Wir könnten noch erfragen, ob die Frau Wasser verloren hat, also ob die Fruchtblase geplatzt ist.


      110-Jungs die man ruft - 112-Männer die auch kommen!

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      sb-modder schrieb:

      Abnormale Lage?
      Placenta praevia?
      Exakt das sind die Dinge, die wir wissen müssen, bevor man sich auf das Abenteuer Geburt einlässt. Eine Lageanomalie könnte Probleme während der Geburt bereiten bzw. man würde entsprechende Vorkehrungen treffen.
      So würde man bei Beckenendlage ("Hintern zuerst") am günstigen den Vierfüßlerstand als Geburtsposition wählen.

      Eine bekannte Placenta praevia und eine außerklinische Geburt ohne erfahrenes Personal ist natürlich nichts weniger als eine ausgewachsene Katastrophe.
      Daher würde man bei vorbekannter Placenta praevia rechtzeitig vor Geburtstermin eine Sectio planen, um diese Situation zu vermeiden.


      Laut Mutterpass liegt das Kind in Schädellage. Die Placenta liegt regelrecht. Relevante Vorerkrankungen bestehen nicht. Keine regelmäßige Medikamenteneinnnahme. Wegen eines ISG- Syndroms habe die Patientin in den letzten 2 Wochen wenige Male Paracetamol 500 mg Tbl. eingenommen.
      Fruchtwasserabgang wurde noch nicht beobachtet



      Der Notarzt ist mittlerweile eingetroffen. Ihr übergebt ihm die Informationen aus eurer hervorragenden Anamnese.

      Und was nun...sprach Zeus??


      Moderator || Benutzerbetreuung BOS
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      Ihr dürft euch ruhig mit der Position des NA identifizieren..

      Grundsätzlich hast du Recht, dass das primäre Ziel immer der Transport ist..

      Ausnahme wäre die unmittelbar bevorstehende Geburt. Wir haben eine längere Fahrt vor uns, und es kann nicht in unserem Interesse liegen, dass das Kind im RTW zur Welt kommt. Da haben wir zu Hause deutlich bessere Bedingungen.

      Die Frage ist, woran man eine unmittelbar bevor Geburt erkennt. Fruchtwasserabgang ist kein sicheres Zeichen...Zudem ja trotzdem -unbemerkt von der Patientin - etwas abgegangen sein könnte.

      Wir haben uns den Befund bei der Patientin ja noch nicht einmal angeschaut...

      Wie können wir den Geburtsfortschritt beurteilen?


      Moderator || Benutzerbetreuung BOS
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      Herrjeee.... Ihr seit heute mal der Doc!!! :airborne: Findet euch endlich damit ab!!! :thumbsup:

      Grundsätzlich wird es nicht empfohlen in solchen Situationen eine vaginale Tastuntersuchung durchzuführen. Zunächst einmal fehlt es sicherlich 99% der Notärzten an Erfahrung den Befund korrekt zu interpretieren.

      Zudem kann man eine kurz bevorstehende Geburt auch ohne Tastbefund erkennen.

      Nur aus der reinen Frage, ob die Patientin Fruchtwasserabgang verspürt habe, den Schluss zu ziehen..."Hey...alles paletti...wir können fahren!" ... das halte ich für sehr sportlich! :vain:

      Moderator || Benutzerbetreuung BOS
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      Eine drohende Geburt macht sich fast immer mit folgenden Symptomen bemerkbar:
      • Abgang von Flüssigkeit aus der Scheide als Folge eines Blasensprungs. Dies ist in der Regel nicht mit Urinabgang zu verwechseln.
      • Vaginale Blutungen, das sogenannte "Zeichnen".
      • Regelmäßig auftretende, krampfartige Schmerzen, die Wehen.


      Eine vaginale geburtshilfliche Untersuchung ist auch für einen nicht geburtshilflich erfahrenen Kollegen problemlos durchführbar, da man eigentlich nur die beiden folgenden Optionen beurteilen muss:
      Man fühlt nichts oder irgendetwas Weiches oder einen Arm, einen Fuß …:

      Aus juristischen Gründen grundsätzlich Nachforderung einer Hebamme !

      Geburtsraum vorheizen, ausreichende Wärmeisolation für das Neugeborene bereitstellen
      SIC.PARVIS.MAGNA
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      Den werdenden Vater lassen wir eine Schüssel warmes Wasser und saubere Handtücher besorgen :whistling:

      Ne, Spaß beiseite. Aber dennoch können wir uns den werdenden Vater aus den Füßen (auch für während der Geburt) nehmen, in dem wir ihm sagen, er soll sich hinter seine Frau knienen, sodass diese sich auf seine Knie mit dem Oberkörper legen kann.


      110-Jungs die man ruft - 112-Männer die auch kommen!
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      Einsatzleiter 911 schrieb:

      Regelmäßig auftretende, krampfartige Schmerzen, die Wehen.
      Richtig...wobei natürlich die Wehen alleine nicht für eine unmittelbar bevorstehende Geburt ausschlaggebend sind. Entscheident ist der Abstand zwischen den Wehen ... und ob es sich um Eröffnungswehen (zur Öffnung des Muttermundes) oder um Presswehen (zur Austreibung des Kindes) handelt. Letztere sind durch den Pressdrang der Mutter zu erkennen.

      Da wir hier Abstände von 2-3 Minuten haben und unsere Patientin ordentlich mitpresst, würden wir hier schon von einer unmittelbar nahenden Geburt ausgehen.

      Zwischen den Beinen ist bereits die noch intakte Fruchtblase zu erkennen, die sich bei jeder Wehe ein Stückchen weiter hinausschiebt.


      sb-modder schrieb:

      Den werdenden Vater lassen wir eine Schüssel warmes Wasser und saubere Handtücher besorgen
      Hervorragend! Die Handtücher brauchen wir in der Tat, um das Kind abzutrocknen. Vielleicht findet sich noch etwas, in das wir das Kind später zum Wärmeerhalt einwickeln können.
      Aus dem warmen Wasser können wir uns einen leckeren Tee ziehen lassen... :saint: :whistling:

      Bevor die Geburt weiterläuft...

      In welche Position würde man die Patientin bringen?


      Moderator || Benutzerbetreuung BOS
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      Es gibt keine optimale Gebärposition. Das Wichtigste ist, dass man der werdenden Mutter überlässt, welche Gebärposition sie einnehmen möchte. Wichtig ist, dass genug Platz da ist, um die Beine zu spreizen, damit das Kind auch gut entwickelt werden kann. Deshalb gilt die geburtshilfliche Grundregel: Bis auf den Kopfstand sind alle Gebärpositionen sinnvoll.

      Als Notarzt würde ich allerdings die Vierfüßlerstellung oder Hochstellung bevorzugen.

      Eventuell auch sinnvolle Lagerung auf steriler Unterlage anstreben und Geburtsraum vorheizen, ausreichende Wärmeisolation für das Neugeborene bereitstellen

      SIC.PARVIS.MAGNA
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      Einsatzleiter 911 schrieb:

      Das Wichtigste ist, dass man der werdenden Mutter überlässt, welche Gebärposition sie einnehmen möchte.
      Genau so ist es. Als Notarzt würde ich mich da gar nicht weiter einmischen und der Frau diese Entscheidung überlassen...
      Es sei denn...

      Bei bekannter Beckenendlage (die wir hier ja nicht haben) wäre die optimalste Position die

      Einsatzleiter 911 schrieb:

      Vierfüßlerstellung

      Die Frau verbleibt auf eigenen Wunsch in Rückenlage.

      Es dauert noch 2 Wehen, dann hat sich die Fruchtblase nach außen geschoben und platzt schließlich unter dem Druck des kindlichen Kopfes, der ihr unmittelbar folgt. Das Fruchtwasser ist klar mit minimaler grünlicher Beimengung.

      Der Kopf schiebt sich nach außen. Nach einer kurzen Wehenpause, kommt es erneut zu einer Wehe ... der Kopf schiebt sich weiter leicht nach vorne, rutscht dann aber immer wieder zurück. Am Ende der Wehe ist der Kopf wieder da, wo er auch am Anfang war.
      Ihr bemerkt, dass der kindliche Kopf bläulich anläuft.



      Was ist passiert?


      Moderator || Benutzerbetreuung BOS